{"id":1235,"date":"2025-07-02T14:28:39","date_gmt":"2025-07-02T12:28:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vieleinseln.de\/?p=1235"},"modified":"2025-10-08T09:19:18","modified_gmt":"2025-10-08T07:19:18","slug":"wie-kirche-und-organisationen-mit-effectuation-der-ungewissheit-begegnen-koennen-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vieleinseln.de\/?p=1235","title":{"rendered":"Wie Kirche (und Organisationen) mit Effectuation der Ungewissheit begegnen k\u00f6nnen\u00a0(I)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beitrag von Dr. Eric Heinen-Kontschak, Effectuation Experte<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/www.dr-heinen.de\">www.dr-heinen.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2012: 90.000 Menschen in dem gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingslager im Nahen Osten. Kriminalit\u00e4t, Hehlerei und Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen bestimmten das Leben im Lager. Die humanit\u00e4ren Standards, die z.B. die Anzahl der K\u00fcchen und Toiletten festlegten, passten nicht. In der Folge wurde privatisiert, demontiert und neu aufgebaut. Es ging drunter und dr\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2013 \u00fcbernahm Kilian Kleinschmidt die Leitung. Er nutzte die Effectuation-Prinzipien und schaffte es, aus dem Fl\u00fcchtlingslager eine friedlichere Stadt mit z.B. Superm\u00e4rkten und Fu\u00dfballmannschaften zu formen. Sogar 250 M\u00e4dchen spielten Fu\u00dfball.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles beginnt mit einem Handlungsanlass<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Effektuierer startet mit einem Handlungsanlass. Bei Kilian Kleinschmidt war das der unzumutbare und kriminelle Zustand im Lager, also eine Not. Genauso gut eignen sich aber ein Problem, eine Idee, eine Vision, eine Aufgabe oder ein Ver\u00e4nderungswunsch, um zu beginnen. Erfolgreiche Unternehmer versuchen dann so schnell wie m\u00f6glich ins Handeln zu kommen. Einfach machen statt lange planen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das beschreibt auch schon den gro\u00dfen Unterschied zu dem analytischen, planerischen Vorgehen, in dem wir alle so gut sind. Der Planer formuliert aus dem erkannten Problem zun\u00e4chst ein Ziel. Dann plant er alle Aktivit\u00e4ten und Ressourcen, die n\u00f6tig sind, um das Ziel zu erreichen. Und dann f\u00e4ngt er erst an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Vorgehen kann aber nur erfolgreich sein, wenn der Planer genau wei\u00df, was ben\u00f6tigt wird, um das Ziel zu erreichen. Und wenn er sich sicher sein kann, dass das definierte Ziel sein Problem auch l\u00f6st. Das funktioniert zum Beispiel sehr gut bei einem Hausbau oder in der Fabrik am Flie\u00dfband. Alles ist gut erprobt und planbar. Die Zukunft ist stabil und vorhersehbar. Wer die Zukunft aber nicht kennt, f\u00e4hrt besser, wenn er schnell handelt, ausprobiert, ob ihn sein Handeln weiterbringt, und dann einen n\u00e4chsten Schritt geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den ersten Schritt mit den eigenen Mitteln gehen (#Mittelorientierung)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich in einem Umfeld bewegt, dass vorhersehbar ist, kann sich sein Ziel definieren. Weil alles bekannt ist, kann er aus dem Ziel ableiten, welche Mittel er ben\u00f6tigt. Erfolgreiche Unternehmer legen aber kein Ziel fest. Sie haben einen Handlungsanlass und wollen schnell ins Handeln kommen. Dazu schauen sie nach innen. Dort finden sie die Mittel, mit denen sie den ersten Schritt gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittel k\u00f6nnen sein, was den Menschen auszeichnet. Charakter, Eigenschaften, Werte und Vorlieben und auch die eigenen finanziellen und zeitlichen Ressourcen stehen immer zur Verf\u00fcgung. Die einzige Voraussetzung ist, dass der unternehmerisch handelnde Mensch sich dessen bewusst ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ein Mensch gelernt hat, welche Kompetenzen, Erfahrungen, Fertigkeiten er hat, steht ebenso direkt zur Verf\u00fcgung. Genau so ist es mit dem Netzwerk aus Partnern, Kollegen, Freunden, Kunden, Mitbewerbern, etc. Jeder, der zum Bekanntenkreis geh\u00f6rt, k\u00f6nnte einen Beitrag leisten oder eine wertvolle Information besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kilian Kleinschmidt ging ebenfalls von den vorhandenen Mitteln aus. Anstatt gegen die Situation zu arbeiten, verstand er das Fl\u00fcchtlingslager als Stadt und unterst\u00fctzte er die Gruppen dabei, sich wie in einer Stadt einzurichten. Zum Beispiel beendete er die Verteilung von Hilfsg\u00fctern und gab allen Bewohnern Chipkarten mit einem Guthaben aus. Die Fl\u00fcchtlinge kauften nun in selbstorganisierten Superm\u00e4rkten ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde, Effectuation passt durch die starke Betonung auf die eigenen Mittel sehr gut zu Kirche und wertebasierten Organisationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht alles auf eine Karte setzen (#Leistbarer Verlust)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Effectuation ist ein Kunstwort. Gepr\u00e4gt hat es Saras Sarasvathy, die Ende der 90er Jahre erfolgreiche Mehrfachgr\u00fcnder untersucht hat. Dabei fand sie die Prinzipien heraus, die ich hier beschreibe. Prinzipien, die wahrscheinlich so alt sind wie die Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde sehr spannend, dass Saras Sarasvathy nicht einfach erfolgreiche Unternehmer, sondern erfolgreiche Mehrfachgr\u00fcnder untersucht hat. Alle waren Million\u00e4re und alle sind im Laufe ihres Lebens auch mit Ideen und Unternehmensgr\u00fcndungen gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehrfach scheitern kann nur der, der nach einem Misserfolg noch \u00fcber genug Reserven verf\u00fcgt, dass er die n\u00e4chste Idee angehen kann. Die Methode dazu nennt sich leistbarer Verlust. Vor jedem Schritt \u00fcberlegt der Effektuierer zun\u00e4chst, wieviel Verlust er sich leisten k\u00f6nnte. Wenn der erreicht ist, wird das Vorhaben beendet und nicht weiterverfolgt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der leistbare Einsatz bezieht sich nicht nur auf Geld. Zeit oder Reputation k\u00f6nnen ebenfalls wichtige Ressourcen sein. Im Falle von Kilian Kleinschmidt war der leistbare Verlust sehr gering. Es lief in dem Lager schon alles drunter und dr\u00fcber, noch schlimmer h\u00e4tte es kaum werden k\u00f6nnen. Die Kosten f\u00fcr die Umstellung auf ein Chipkartensystem waren ein leistbarer Verlust, den Kleinschmidt eingegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Partnern neue Mittel nutzen und neue Wege finden (#Partnerschaften)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das dritte Prinzip von Effectuation ist Partnerschaft. Mit Partnern bekommt man neue Mittel, neue Ideen und vielleicht auch eine neue, leicht ge\u00e4nderte Zielrichtung f\u00fcr ein gemeinsames Vorhaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Effektuierer sucht st\u00e4ndig nach neuen Partnern und Beitr\u00e4gen zu seinem Vorhaben. Dazu nutzt er jede Gelegenheit, sein Vorhaben, seine Idee zu pr\u00e4sentieren. Er l\u00e4dt andere ein mitzugestalten oder bittet sie um einen Beitrag. So kommt es zu einer Koalition der Wollenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kilian Kleinschmidt wurde mit seiner Art der Lagerleitung schnell bekannt. Es kamen Besucher. Einer war Michel Platini, der Pr\u00e4sident der UEFA. Kleinschmidt fragte ihn, was wohl zu einer richtigen Stadt geh\u00f6rt. Platini nannte selbstverst\u00e4ndlich Fu\u00dfballteams. Kleinschmidt fragte ihn, ob er einen Beitrag leisten wollte, und Platini stellte B\u00e4lle und dauerhaft zwei Fu\u00dfballtrainer zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders innovativ wird es, wenn sich Menschen auf Augenh\u00f6he begegnen und als gleichwertige Partner betrachten. Unterschiedliche Kompetenzen und Erfahrungen f\u00fchren in einem offenen gleichwertigen Austausch zu kreativen L\u00f6sungen. Sich auf Augenh\u00f6he begegnen und den anderen als Menschen ernst nehmen ist die n\u00f6tige Haltung daf\u00fcr. Diese passt meines Erachtens ebenfalls sehr gut zu wertebasierten Institutionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuf\u00e4lle als Chance sehen und nicht als Bedrohung (#Zufall)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das vierte und letzte Prinzip ist ein neugieriger und entspannter Umgang mit Zuf\u00e4llen. Im planenden Vorgehen werden Zuf\u00e4lle ausgegrenzt. Mit einem ausgefeilten Risikomanagement werden alle m\u00f6glichen Ma\u00dfnahmen getroffen, die den Zufall verhindern sollen. Das ist auch ein sehr kluges Vorgehen in einem Umfeld, in dem alles vorhersehbar ist. Man hat ein klar definiertes Ziel und wei\u00df wie es erreicht werden kann. Alles andere st\u00f6rt nur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Umfeld, in dem die Zukunft nicht vorhersehbar ist, st\u00f6ren Zuf\u00e4lle erstmal nicht. Man hat ja \u201enur\u201c einen Handlungsanlass und kein konkretes Ziel. Deswegen kann man sich die Zuf\u00e4lle in aller Ruhe ansehen und pr\u00fcfen, ob sie einen bei dem eigenen Vorhaben helfen und einer L\u00f6sung n\u00e4cher bringen. So ein Zufall aus Sicht von Kleinschmidt war zum Beispiel der Besuch von Platini. Was auch immer die Motivation von Platini f\u00fcr den Besuch war, Kleinschmidt nutzte die Gelegenheit und sprach ihn als Ideengeber und potentiellen Partner an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Effectuation ist eine Haltung, die am Start von neuen Vorhaben im Ungewissen hilft<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer diese vier Handlungsprinzipien ber\u00fccksichtigt, kommt schnell zu einem Ergebnis. Das Ergebnis der effektuierend gegangenen Schritte kann sein, dass man etwas Neues geschaffen hat, kann aber auch sein, dass man so nicht weiterkommt und das Vorhaben besser einstellt. Beides ist ein gutes Ergebnis. Man hat Klarheit gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Effectuation ist also eine Haltung, die jedem Menschen in Situationen voller Ungewissheit Sicherheit bietet. Man hat ein erprobtes Vorgehensmodell zur Verf\u00fcgung. Man setzt seine eigenen Mittel ein und geht maximal bis zum definierten leistbaren Verlust. Man wird also nie alles verlieren und man handelt. Man ist nicht Getriebener oder gar Opfer der Situation. Mit Effectuation wird man zum Gestalter der ungewissen Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir gef\u00e4llt besonders gut, dass man sich diese Haltung bewusst zu eigen machen kann. Es gibt einfach anwendbare Methoden, die einem in ungewissen Situationen helfen. Eine tiefe Haltungs- und Pers\u00f6nlichkeits\u00e4nderung ist sicher nicht schnell zu erreichen, aber dennoch k\u00f6nnen die Methoden gelernt (Dr. Heinen-Kontschak) und mit einem gewissen Ma\u00df an Selbstreflexion angewandt werden. Und Effectuation ist nicht nur f\u00fcr Unternehmer geeignet!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Dr. Eric Heinen-Kontschak, Effectuation Experte www.dr-heinen.de 2012: 90.000 Menschen in dem gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingslager im Nahen Osten. Kriminalit\u00e4t, Hehlerei und Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen bestimmten das Leben im Lager. Die humanit\u00e4ren Standards, die z.B. die Anzahl der K\u00fcchen und Toiletten festlegten, passten nicht. 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